blaufarn • 16. Mai 2026

Bidouille und Violette. Zwei Heranwachsende aus kleinen Verhältnissen.

Bidouille und Violette. Zwei Heranwachsende aus kleinen Verhältnissen.

Im Netz (9) • Damals in Belgien

Zeit der Fritten
Kein düster-romantisches Drama vor historischer Kulisse. Keine dekadenten Hofgesellschaften, keine Revolutionen, keine Guillotinen. Stattdessen eine Pommesbude im Brüssel der späten 1970er. Teenie Bidouille hat einen Kopf wie ein Ballon, sein Vater einen Imbiss, und wenn der Junior nicht gerade an der Fritteuse aushilft, schmachtet er Violette an, das schönste Mädchen des Viertels.


Bidouille et Violette ist das Seriendebüt des Belgiers Bernard Hislaire (*1957 in Brüssel). Schon als 14-Jähriger schnuppert er in die Comicszene, interviewt Größen wie Jean Giraud und Greg, mit 18 veröffentlicht er seine erste Comicstory. Als er Bidouille et Violette für das Magazin Spirou zu zeichnen beginnt, ist er 21. Träume, Nöte, zarte Bande zweier Heranwachsender aus kleinen Verhältnissen. Violettes Herz gewinnt Dickerchen Bidouille nicht mit Blumen oder Pralinen, sondern mit einer Tüte Pommes.

Fesche Untote  Bastei lässt 1986 für sein Richard-Corben-Album ein neues Cover anfertigen. Das Original (unten) flößt dem Verlag Angst ein.

Bidouille et Violette  Hislaires erste eigene Serie hat Charme, lässt aber nicht wirklich erahnen, was in ihm steckt. Auf Deutsch sind die Geschichten bis heute nicht erschienen.

Aufsehen erregt Hislaire wenig später. Er ist noch keine 30, als er Zeichenstil und Namen wechselt. Die Zeit der Fritten: passé. Er nennt sich jetzt Yslaire und bringt eine Saga aus dem 19. Jahrhundert zu Papier, getaucht in Schatten und Grautöne, in die dunkles Rot fließt. Sambre, die tragische Liebesgeschichte um Wilddiebin Julie und Adelsspross Bernard Sambre. Ein Markstein des europäischen Comics. Vier Alben umfasst der Auftaktzyklus, vier weitere schildern den Lebensweg Julies und ihrer beiden Kinder. Im Ableger Krieg der Sambres erzählt Yslaire vom Schicksal der Ahnen; das Zeichnen überlässt er hier Kollegen.

Fesche Untote  Bastei lässt 1986 für sein Richard-Corben-Album ein neues Cover anfertigen. Das Original (unten) flößt dem Verlag Angst ein.

Sambre versetzt Publikum und Fachkreise 1986 in Staunen. Hislaire, der sich jetzt Yslaire nennt, erschafft eine atemberaubende Atmosphäre, getaucht in Schatten, Grautöne und dunkles Rot.

Ein Epos ohne Bratfett und Kartoffelstifte, pathetisch, manchmal schwülstig. Und hinreißend in Szene gesetzt. Kostproben und Yslaires Biographie bieten im Netz Adressen wie die französische Bedetheque und (auf Englisch) Lambiek Comiclopedia. Yslaire selbst unterhält keine eigene Website, gibt aber auf Instagram Einblicke in sein Schaffen.



***




Vorschaubild: Montage aus Bidouille et Violette 4 »La ville de tous les jours« (Dupuis) und Sambre 5 »Verflucht sei die Frucht ihres Leibes!« (Carlsen; Hintergrund).

Sambre

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© Künstler und Verlage | Cover, Leseproben, Bildzitate

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